Das bin ich!

Das bin ich!

Hallo! Schön, dass du da bist!

Mein Name ist Marion und seit längerem ist  das Thema  „Depression“ ein Teil meines Alltags.

Dank meiner lieben Oma rufen mich viele Menschen in meinem Umfeld „Majon“. Meine Familie und ich leben im Dunstkreis von Köln. Ich bin Pharmazeutisch-technische-Assistentin, habe aber der Apotheke vor ein paar Jahren den Rücken gekehrt und arbeite heute als Fachberaterin im Gesundheitswesen.

Meist bin ich gerne unter Menschen und mag es Gäste zu bewirten. Ich bin freundlich, fröhlich, positiv und optimistisch und ich liebe unseren Garten und unser Häuschen. Ich mag Bücher und Handarbeit, Kochen und Werkeln.

Vor etwa zwei Jahren wurde bei mir eine mittelschwere bis schwere Depression diagnostiziert. Obwohl sich das schon lange anbahnte, traf mich diese Diagnose knallhart. Als Pharmazeutin war ich immer in der Lage gewesen eine Depression als Erkrankung zu sehen. Für mich waren Menschen, die an Depressionen leiden, keine Durchgeknallten, die sich nicht zusammenreißen können. Ich war voller Verständnis und Mitgefühl – und mir war ganz klar, mir passiert das nicht! Ich passe schließlich auf mich auf!

So ein Tief hat man ja mal….

Sicher, ich hatte schon lange immer wieder mal meine Tiefs, aber die hatte ich doch bisher auch alleine in den Griff bekommen. Wurde mal wieder alles zu viel, konnte ich mich bis zum nächsten Wochenende retten und ich konnte mich immer genügend zusammenreißen, um mich bis zum ersehnten Urlaub mit dem Kopf über Wasser zu halten. Mir kam nicht in den Sinn, dass ich schon da zielsicher auf eine Depression zusteuerte.

Dann macht man mal etwas langsamer, nimmt auch mal ein Buch in die Hand oder geht mal in die Sauna. Dann geht’s schon.

Ich kannte das schon seit Jahren. Ich war fest davon überzeugt meine gelegentlichen Tiefs hervorragend zu meistern. Und jetzt auf einmal sollte das anders sein?

Ehrlich zu sich selber sein

Ja! War es! Es war so ganz anders. Im Nachhinein kann ich nur staunen, wie lange ich gebraucht habe um zu erkennen, dass ich Hilfe brauchte. Noch mehr erstaunt es mich, dass es sonst keiner gemerkt hat. Ich glaube, ich hatte es ziemlich gut drauf den taffen Sonnenschein zu spielen und konnte so mich – und auch andere – darüber hinwegtäuschen wie mies es mir eigentlich ging.

Ich erinnere mich noch ganz genau an den einen Abend, an dem mir selber bewusst wurde, dass mit mir irgendetwas ganz und gar nicht stimmt. Meine Freundin und ich verbrachten einen tollen Mädel-Tag mit einem Spaziergang im Sonnenschein um einen See. Im Anschluss sind wir etwas essen gegangen. Wir hatten Spaß, haben gelacht. Es war wirklich schön. Irgendwann fühlte ich mich von meiner Freundin beobachtet. Sie fragte mich, ob bei mir wirklich alles in Ordnung wäre. Ich verstand ihre Frage gar nicht. Wir hatten doch Spaß. Sie selber konnte ihren Eindruck auch nicht richtig in Worte fassen. Sie meinte nur, ich wäre irgendwie … anders. Lustig, aber eben anders. Und irgendetwas wäre mit meinen Augen. (Später ist ihr eingefallen, was es war. Ich war wohl gar nicht in der Lage Blickkontakt zu halten und wirkte insgesamt total unruhig und nervös auf sie.)

Ich weiß noch, dass sich bei ihren Worten ein dicker Kloß in meinem Hals bildete  und ich nur mit größter Mühe verhindern konnte loszuheulen.  Das fand ich extrem verwirrend. Warum musste ich denn jetzt plötzlich heulen? Ich habe den Abend dann schnell beendet und kaum saß ich im Auto heulte ich mir die Augen aus dem Kopf. Ich schluchzte laut vor mich hin und konnte mich gar nicht beruhigen. Für die Heimfahrt habe ich ewig gebraucht, weil ich vor lauter Heulen immer wieder mal rechts ran fahren musste. Das war ja an sich schon schräg. Ich hatte doch gar keinen Grund für diesen Ausbruch!

Richtig schräg wurde es aber als ich zu Hause ankam. Mein Mann und meine Söhne saßen gut gelaunt im Wohnzimmer und guckten irgendeinen lustigen Film. Ich wusch mir im Bad kurz das Gesicht mit kaltem Wasser ab, setzte ein Lächeln auf und ging zu ihnen ins Wohnzimmer. Ich verbrachte mit ihnen gut gelaunt den restlichen Abend und keiner merkte mir etwas von meinem eigentlichen Zustand an. Das war echt krass! Ich hatte plötzlich das Gefühl neben mir zu stehen und mich selber zu beobachten. Und was ich da sah, machte mir Angst. Auf einmal wurde mir bewusst, dass ich sehr oft weinte, wenn ich alleine war. Meistens im Auto und immer ohne ersichtlichen Grund.

Auch das kannte ich schon aus der Vergangenheit. Aber da war es bei gelegentlichen Heul-Attacken geblieben. Die waren wie ein reinigendes Gewitter gewesen. Aber jetzt? Jetzt hörte ich gar nicht mehr auf zu weinen. Und erst da wurde mir klar, dass irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung mit mir war. Das Wort Depression schob ich auch da weit von mir.

Irgendwann blieb nur der Weg zum Arzt

Am nächsten Tag bin ich zu meiner Hausärztin gegangen. Nachdem ich ihr die Situation erklärt hatte, schrieb sie mich gleich für vier Wochen krank. Ich bekam eine Überweisung für eine Gesprächstherapie und das Angebot mir ein Antidepressivum zu verschreiben. Aber so weit war ich noch nicht. Ich hatte in meinen Augen keine Depression! Und ich wollte keine Medikamente! Der Schritt war mir viel zu groß und ich muss zugeben – ich hatte unheimliche Angst davor.

Aus den vier Wochen wurden drei Monate, in denen ich nicht arbeiten konnte. Es war eine merkwürdige Zeit. In der ersten Woche war ich komplett aufgedreht. Ich wuselte durchs Haus, putze und schrubbte und räumte Schränke auf. Dann war plötzlich die Luft raus. Ab dann saß ich eigentlich nur noch auf dem Sofa und machte im Grunde gar nichts. Fernsehgucken und Stricken. Das war alles. Alles andere waren unüberwindbare Aufgaben für mich. So einfache Dinge wie Einkaufen und Kochen kosteten mich unglaublich viel Kraft und waren immer wieder ein schwerer Angang. Ich glaube, ich konnte mich erst in der dritten Wochen dazu aufraffen eine Therapeutin anzurufen und einen Termin zu vereinbaren. Und in der ganzen Zeit heulte ich immer weiter. Das war nicht nur für mich eine schwere Zeit. Meine Familie hätte mir furchtbar gerne geholfen, wusste aber natürlich nicht wie.

Die Therapeutin sprach dann zum ersten Mal das Wort „Depression“ laut aus. Ich fand das schrecklich! Noch immer konnte ich diese Diagnose für mich nicht akzeptieren.

Die Entscheidung für ein Antideprssivum war nicht leicht

Nach etwa zwei Monaten erklärte ich mich doch bereit Citalopram – ein Antidepressivum – einzunehmen. Mein Leidensdruck wurde einfach zu groß. Ich wollte mich nicht länger so fühlen wie ich mich fühlte. Es dauerte dann noch mal ein paar Wochen bis es mir tatsächlich half. Aber das ist ja normal.

Das war der Startschuss für mich. Ab da war klar, will ich gesund werden, muss ich mein Leben ändern. Nur wie und was? Das war gar nicht so einfach herauszufinden. Eigentlich gab es ja keinen Grund für meinen Zustand. Ich habe eine wirklich tolle Familie, die ich sehr liebe und die mich sehr liebt, ich bin mit richtig guten Freunden gesegnet und trotzdem fühlte ich mich damals einsam und total verloren.

Ich habe ein schönes zuhause, lebe in sicheren finanziellen Verhältnissen. Für mich gab es keine Erklärung für meine Depression. Ich habe mich sogar dafür geschämt und war mir sicher, dass es mir nicht zustand so durchzuhängen. Merkwürdig, für mich galt mein Pharmzeutenwissen „Depressionen sind eine Krankheit“ nicht. Ich empfand mich als schwach und undankbar. Heute weiß ich, dass ich auch deshalb viel zu früh wieder arbeiten gegangen bin. Meinen eigenen Startschuss fürs Gesundwerden begann ich also mit dem Fehler, der mich überhaupt erst krank gemacht hatte. Ich mutete mir erneut viel zu viel zu.

Kämpfe nicht gegen dich selbst…

Der Kreislauf wäre von vorne losgegangen, hätte ich nicht so eine gute Therapeutin, eine so tolle Familie und so prima Freunde. Ich habe viel an mir gearbeitet, habe mich hinterfragt und war in den Monaten danach – und auch jetzt noch – sehr mit mir selbst beschäftigt. Aber die entscheidenden Denkanstöße habe ich in meiner Reha bekommen. Die sechs Wochen in Bad Elster waren Gold wert und ich bin unglaublich dankbar für die Betreuung durch die Therapeuten und die netten Menschen, die ich dort kennengelernt habe. Das erste Mal in meinem Leben ging es nur um mich. Das war eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Ohne diese Zeit wäre ich vermutlich noch immer in meinem Hamsterrad.

Das Zitat von Anne Gesthysen „Kämpfe nicht gegen dich selbst, sondern richte dich in dem Leben ein, das dich froh macht“ habe ich in ihrem Roman Mädelsabend entdeckt. Es passt genau zu mir und in meine Lebenssituation. Und genau darum geht es mir hier. Ich möchte davon berichten, wie ich mich in meinem Leben einrichte, um mich selbst froh zu machen. Bis hierhin war es schon ein weiter Weg für mich, aber ich bin noch lange nicht angekommen.  Vielleicht hilft es dem einen oder anderen, macht Mut oder unterstützt. Manchmal ist es ja schon eine Hilfe, wenn man weiß, da gibt es noch mehr Menschen, denen es so geht wie mir….

https://majonb.de/2020/05/06/depressionen/


Du bist auch betroffen? Hier findest du Einrichtungen, die dir helfen können:

https://www.selfapy.de

https://www.deutsche-depressionshilfe.de

https://www.depressionsliga.de/

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„Kämpfe nicht gegen dich selbst, sondern richte dich in dem Leben ein, das dich froh macht.“

Anne Gesthuysen

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