Wattekopf

Wattekopf

Mein Wattekopf

Ich befinde mich gerade in einem ganz merkwürdigen Zustand. Ich habe seit Tagen einen Wattekopf. Er fühlt sich dumpf und unwirklich an. Augen und Ohren sind überempfindlich und wollen nicht sehen oder hören. Laute Geräusche sind unangenehm und Helligkeit tut mir weh. Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, heule ich. Okay, ist ja auch eine Antwort…

Ich mag keine Tabletten

Das Ausschleichen, also Absetzen, meines Medikamentes Citalopram hat deutlich länger gedauert als erwartet. Inzwischen habe ich aufgehört die Wochen zu zählen. Es ist mir wirklich schwergefallen und das tut es offensichtlich auch noch immer. Meine Therapeutin gab nun zu Bedenken, dass ich das Medikament doch gut vertragen hätte und ob ich es nicht vielleicht doch wieder nehmen wolle.

Nein, möchte ich nicht! Es widerspricht komplett meiner Lebensgrundeinstellung. Tabletten habe ich schon immer nur genommen, wenn ich den Kopf unterm Arm hatte. Wenn es irgendwie möglich ist, gehe ich mit Kopfschmerzen lieber ins Bett statt eine Ibuprofen zu schlucken. Natürlich geht das nicht immer und es gibt Medikationen die eben sein müssen, so wie meine Schilddrüsentabletten zum Beispiel. Das hier ist also kein Statement gegen Antidepressiva. Jeder Mensch tickt anders und jeder Mensch soll das tun, was für ihn gut und richtig ist.

Die Ruhe nach dem Sturm, wie geht man damit um?

Vorgestern saß ich nun bei meiner Therapeutin und heulte. Sie hatte mich ja schließlich gefragt wie es mir geht. Selber schuld. Peinlich war es mir trotzdem. Vor allem deshalb, weil ich ihr die Frage nicht beantworten konnte und Heulen genaugenommen keine richtige Antwort ist. Wie genau geht es mir im Augenblick eigentlich? Keine Ahnung!
(Jetzt wo ich hier sitze und schreibe frage ich mich, warum mir die Situation eigentlich peinlich war! Ich gehe schließlich nicht zum Kaffeeklatsch zu ihr. Wenn ich irgendwo grundlos heulen darf, dann doch wohl dort, in meinem geschützten Raum! Tja, das mit der Selbstakzeptanz ist also noch ausbaufähig….)

In meinem Leben ist gerade wirklich alles in schönster Ordnung! Eigentlich sollte ich sogar erleichtert und glücklich sein!
Die letzten drei… eigentlich fünf Jahre waren für meine Familie und mich wirklich nicht einfach. Wir hatten so einiges an Kummer, Sorgen und Unglück zu verdauen. Vor allem meine Kinder. Auch wenn die drei schon groß sind (alle über 20) und ich als Mutter nur sekundär betroffen war, hat es mir trotzdem immer aufs Neue das Herz zerrissen. Inzwischen sind die schlimmsten Hürden geschafft und alle sind auf einem wirklich guten Weg. Wäre ja ein prima Zeitpunkt für ein: MIR GEHT ES GUT!

Auf Entspannung umschalten funktioniert offensichtlich nicht auf Knopfdruck

Meine Psyche und mein Körper haben sich aber gerade gegen mich verschworen und kämpfen mit aller Kraft gegen etwas an, was ich noch nicht zu fassen bekomme. Vermutlich deshalb dieser Wattekopf. Ich würde so furchtbar gerne so viel machen. Der Garten hat es dringend nötig, ich müsste was für meine Ausbildung zur Heilpraktikerin tun, Papierkram muss erledigt werden. Ach, was erzähle ich, das kennt ihr ja alle… Aber nein, mein Wattekopf zwingt mich auf die Matte. Hey, da fällt mir gerade auf: Wo ist eigentlich mein Monster? DAS ist dann tatsächlich diesmal nicht mit von der Party. Okay, das werte ich jetzt mal als Fortschritt!!!

Vielleicht hat meine Therapeutin recht. Sie findet meinen augenblicklichen Zustand absolut normal. Nach der langen Zeit der Anspannung ist nun endlich mal Ruhe bei uns eingekehrt. Viele Menschen werden krank, wenn sie in Urlaub fahren, Manager bekommen einen Herzinfarkt, wenn sie in den Ruhestand wechseln. Vielleicht kann auch ich nicht einfach so auf Entspannung umschalten. Schade, ich hatte auf ein Gefühl der Erleichterung und der Schwerelosigkeit gehofft….

Und nun?

Geduldig bleiben, auch wenn es schwerfällt…

Das Gespräch mit meiner Therapeutin führte mich zu der Erkenntnis, dass ich ohne die Tabletten wohl immer wieder an diesen Punkt kommen werde, dass es voraussichtlich immer wieder Phasen mit Wattekopf geben wird. Vermutlich wird auch mein Monster nicht für immer wegbleiben. Ich muss lernen das auszuhalten.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die derzeitigen Corona-bedingten Arbeits- und Lebensumstände ebenfalls einen großen Anteil haben. Die Tage sind merkwürdig strukturlos. Homeoffice ist klasse, aber nicht über Monate, fünf Tage die Woche. Das ist ungesund – zumindest für mich. Außerdem fehlt es mir an Bewegung. Ich muss ja nicht mal mehr vom Auto ins Büro gehen! Dies versuchen mein Mann und ich nun als Erstes in den Griff zu bekommen. Da ich mich im Augenblick nicht sportlich belastbar fühle haben wir den Tag aber wenigstens mit einem strammen Spaziergang durch den Wald gestartet. Bewegung und Wald, das sind hervorragende Antidepressiva! Danach gab es frische Brötchen vom Bäcker. Ich hoffe wirklich sehr, dass dieser Wattekopf bald verschwindet. Dafür habe ich eigentlich keine Zeit!

https://www.mylife.de/thema/krankheiten/depression

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„Kämpfe nicht gegen dich selbst, sondern richte dich in dem Leben ein, das dich froh macht.“

Anne Gesthuysen

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